Gespräch mit Jan van Nahuis

Kunst ohne "Gedankenscheren"

Lieber Jan, Du bist Niederländer, geboren in Winterswijk und hier in Schwerte vor 40 Jahren gelandet. Was hat Dich damals nach Schwerte geführt?

 

Die Liebe hat mich aus den Niederlanden nach Deutschland geführt. Sehr weit war der Weg ja nicht. Winterswijk liegt ziemlich genau an der Grenze zu Deutschland. Nach Schwerte bin ich gekommen, weil ich für meine Familie eine Wohnung oder ein Haus mit Garten und guter Anbindung an das Ruhrgebiet gesucht habe.

Viele Jahre habe ich sehr wenig Zeit in Schwerte verbracht. Ich war berufsbedingt tagsüber unterwegs und kam erst abends spät nach Hause.

 

Bevor Du Dich ausschließlich und hauptberuflich mit der Kunst beschäftigt hast, hattest Du demzufolge einen "normalen" Job?

 

Richtig, ich habe lange als Organisationsleiter im Versicherungsaußendienst gearbeitet. Termine quer durchs Ruhrgebiet haben mir bei freier Zeiteinteilung immer wieder Besuchsmöglichkeiten in Museen oder Ausstellungen ermöglicht. Zeit für Kunstgenuss fand ich früher schon in meinem "normalen" Job.

Kunstinteressiert war ich auch schon immer und zum Glück haben mir meine Eltern große Freiräume gelassen. Freiräume, um Ideen und Gedanken zu entwickeln und mich selbst auszuprobieren.

 

Während meiner Berufstätigkeit hatte ich eine kleine Werkstatt im Keller, wo ich kreativ gearbeitet habe. Mir hat es gut gefallen, wenn ich dort unten gehämmert und gearbeitet habe, so dass im 3. Stock des Hauses die Rotweingläser auf dem Tisch vibrierten.

 

Später zog ich in die Mühlenstraße in Schwerte, in der Nähe der Rohrmeisterei, wo sich bereits mein Atelier befand. Übrigens das Haus mit dem schönsten Ausblick in Schwerte Wir lieben es :-) Wir schauen auf

St. Viktor, auf den Wuckenhof und die schöne Altstadt von Schwerte. 

Die Kunst ist ein "hartes Brot", höre ich manchmal. Welche Fähigkeiten braucht Deiner Ansicht nach ein kreativ Arbeitender, um von seiner Kunst leben zu können?

 

Wirklich von der Kunst leben kann nur ein sehr geringer Prozentsatz. Es gibt so viele Studienabgänger in Design, Kunst oder Malerei. Jährlich viele Tausende. Wo sind die alle? 

Als kreativ Arbeitender muss man Phantasie haben. Man muss die Schere im Kopf rausschmeißen und scheinbar verrückte  Ideen zu Ende denken.

 

Was meinst Du mit Schere im Kopf?

 

Eine kreative Ursprungsidee, der Anfang eines Gedankens darf nicht durch hin- und herdenken, durch Abwägen aller Eventualitäten beschnitten werden.

Mein Motto ist: mach` erstmal den ersten Schritt und schalt` die Versagensängste ab! 

Auch auf meinem Weg gab es immer wieder Hindernisse, die ich umschiffen musste. Manche Ideen sind wieder gestorben. Dann hatte ich aber bis zu dem Zeitpunkt eine gute kreative Zeit und zudem noch viel gelernt.

Um von der Kunst leben zu können, muss man an sich selbst glauben und Menschen um sich haben, die dein Tun und dich als Person unterstützen. Du brauchst Zuspruch durch Familie und Wegbegleiter. Wer das in seiner Familie nicht erfährt, muss sich sein eigenes Netzwerk bilden, muss Gleichgesinnte und Weggefährten finden, die Unterstützung bieten. Zum Beispiel so wie hier bei "Schwerte-spricht".

 

Jan, Du gibst aktuell mehr als 20 Flüchtlingen Deutsch Unterricht. Was erlebst Du dabei und wie kam es dazu?

 

Dabei erlebe ich, wie groß die Herausforderung ist, Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Kulturen in Deutschland zu integrieren. Ein Teil von ihnen sind Analphabeten, kennen unsere Kultur nicht und wissen nicht was sie bei uns in Europa, in Deutschland, in Schwerte erwartet. Vor allem gebe ich neben Deutschunterricht auch Einblick in die Kultur Europas. Ich erkläre den Flüchtlingen die Lebensgewohnheiten der Menschen in Deutschland. Da sprechen wir über Themen wie Pünktlichkeit, Ordnung und Tagesstrukturen. Dinge, die sie wissen müssen, wenn sie hier leben möchten.

Immerhin habe ich es geschafft, bereits fünf von dieser Gruppe in Schwerter Unternehmen und in den Bundesfreiwilligendienst unterzubringen. Das macht mich froh.

 

Als vor Jahren bei der VHS in Schwerte der Dozent für den Niederländisch Kurs ausgefallen ist, bin ich einfach ins kalte Wasser gesprungen und habe auf Anfrage der VHS den Kurs übernommen. Das lief gut und daran hat man sich im Schwerter Kulturbüro erinnert. Als die Anfrage für den Unterricht für die Flüchtlinge kam, habe ich selbstverständlich zugesagt!

 

Gerade als Du weggeschaut hast, ist die Schwerter Ruhrfee vorbei geflogen und hat Dir, lieber Jan, ein Geschenk da gelassen. Das Geschenk sind weitere 100 gesunde Lebensjahre. Was fängst Du mit denen an?

 

80 verschenke ich sofort weiter. Mein Leben ist satt! Ich brauche nichts mehr.

 

Diese spontane Antwort aus tiefster Überzeugung berührt mich sehr. Mein Herz sagt mir, dass es genau das ist, was ich später auch einmal zu mir selbst sagen möchte: Mein Leben ist satt!!

 

Alles, was ich ausprobieren wollte, habe ich gemacht. Manche Dinge haben gut funktioniert, manche nicht. Es ist nichts offen, was noch erledigt werden müsste. 

 

Jan begrüßt während unseres Gesprächs auf dem Schwerter Marktplatz mehrfach Freunde und Bekannte, die vorbeikommen. Einmal springt er auf und begrüßt einen Herrn. Die zwei Männer umarmen sich wie Brüder und obwohl ich nicht hinstarren möchte, bin ich wieder berührt von der Menschlichkeit, die in diesem Moment sichtbar wird. Ich höre nicht genau, was die beiden reden, aber das "Ich vermisse dich!" habe ich verstanden. Als Jan zu unserem Tisch zurückkommt erklärt er:

 

Das war ein guter Freund, den ich aus der Trauerbegleitung kenne. Er braucht meine Hilfe, da er gerade von der Krebserkrankung seiner Frau erfahren hat.

 

Und mehr sagt Jan dazu nicht.

In Jans Altelier-Garten Javana, Vernissage zum Welttheater der Strasse

 

Lieber Jan, meine letzte Frage ergibt sich spontan...bitte erzähl mir von der Kommunikation in der Trauer- bzw. Sterbebegleitung? 

 

Gerne. In der Sterbe- und Trauerbegleitung läuft viel ohne Worte.  Es sind mehr die Gesichter und Gesten der Menschen, die "sprechen".

Ich persönlich höre eher zu, gebe 100 Prozent Aufmerksamkeit und bin mit meinen Gedanken in diesem Moment. Es erscheint mir als große Missachtung der Menschen, die trauern oder sterben, wenn ich nicht voll und ganz bei ihnen wäre. Lieber sage ich einen Termin, der mir übertragen wurde ab, wenn ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt bin.

Ich habe mich oft gefragt, wie ich mir wünschen würde, wie man mich behandelt, wenn ich einmal von der Welt gehe. Das Ergebnis dieser Gedanken ist, dass ich Sterbende nicht einfach anfasse oder über ihre Wange streichle, wenn nicht ausdrücklich der Wunsch danach erkennbar ist.

Mit trauernden Angehörigen spreche ich ehrlich und was ich nicht weiß, beantworte ich nicht aus Verlegenheit mit irgendwelchen Floskeln, wie:

das wird schon wieder. 

 

Vielen Dank für Deine Offenheit Jan und für die Einblicke in Dein Leben. Schön, dass Du in Schwerte wohnst!

Wer sich zu Jans Arbeit näher informieren möchte findet Infos auf 

www.javana.net