Gespräch mit Peter Blaschke

Ein Mann in den Bergen, auf den Straßen und vor allem bei den Jugendlichen

Lieber Peter, du bist als pädagogischer Mitarbeiter des Vereins für Soziale Integrationshilfen (VSI) in Schwerte tätig. Als Deeskalationstrainer, P.A.R.T. Trainer (für Prävention, Deeskalation und Beratung) und Streetworker bist du und  deine Kollegen Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche in Schwerte.

Wie ist in dem Zusammenhang deine Bezeichnung Quarterback bzw. das Wortspiel Quart(i)erback zu verstehen?

 

Ein Quarterback ist ein Spielführer in einem amerikanischen Footballteam und ich spiele in der Mannschaft der Jugendlichen. Als Streetworker sind wir auf der Strasse im Viertel, im Quartier unterwegs, daher das Wortspiel Quart(i)erback.

Meine Kollegen und ich sehen uns als so etwas wie ein „Vermittler oder Anwalt“ der Jugendlichen, wenn es mal Ärger gibt. Das ist eine der Aufgabe eines Streetworkers.

Als Quarterback habe ich neben meinen Kollegen, die das „Quartierteam“ bilden, insgesamt 5 konzeptionelle Hauptaufgaben.

 

Sicher ist das Tätigkeitsfeld als Streetworker in einer Kleinstadt wie Schwerte anders als in Großstädten, wie Köln, Berlin oder Frankfurt? Kannst du bitte das Quarterback-Konzept und deinen Verantwortungsbereich schildern?

 

Genau, da gibt tatsächlich Unterschiede. Streetworker in anderen Städten, arbeiten oft ausschließlich auf der Straße. Das ist bei uns in Schwerte nicht so.

Unter Quart(i)erback-Konzept ist die aufsuchende Arbeit im Viertel zu verstehen.

Die 5 konzeptionellen Hauptaufgaben sind die Bedarfsfeststellung, aufsuchende Arbeit, Aktionen und Maßnahmen, Ansprechpartner und Vermittlung auf unterschiedlichen Ebenen.

Das heißt konkret, wir schauen wo Bedarf für unsere Arbeit besteht, gehen dahin, wo wir gebraucht oder wohin wir gerufen werden, begleiten Aktionen, wie öffentliche Feste oder Aktivitäten, wo es schon mal Störungen gab.

Ebenso arbeiten wir  präventiv, wenn wir interessante Angebote in Schwerte bewerben, zum Beispiel die unserer VSI Präventionsmarke „Faktor Ruhr“ wie dem Nachtsportangebot „Night Soccer“ oder Streetmovez, wo Jugendliche unter Anleitung Choreographien und Tanzschritte einstudieren können. Die „Streetmover“ stellen ihr Können vor der Öffentlichkeit, z.B. bei der „Nacht der Jugendkultur“ oder beim 25jährigen Jubiläum des VSI unter Beweis.  Im Rahmen der Aufgabe Ansprechpartner, werden zum Beispiel junge Menschen bei Bewerbungsverfahren oder ARGE-Terminen unterstützt, Eltern in Erziehungsfragen beraten und gegebenenfalls an entsprechende Institutionen weiter vermittelt, was unweigerlich zu der fünften Aufgabe „Vermittlung auf unterschiedliche Ebenen“ führt.

 

Wie werden Bedarfe festgestellt? Wenden sich Jugendliche an dich, wenn sie Unterstützung brauchen? Wie kann ich mir die praktische Arbeit vorstellen?  

 

Bedarf wird auf mehreren Wegen festgestellt. Bei unserer regelmäßigen aufsuchenden Arbeit in der Stadt werden störungsreiche Standorte festgestellt.

Im Gespräch mit den Jugendlichen bieten wir unsere Hilfe an und vermitteln bei entsprechendem Bedarf an passende Einrichtungen. Wenn wir bei Festen oder zum Beispiel Halloween  im Einsatz sind, sind wir für die Jugendlichen da und manchmal begleiten wir alkoholisierte Kinder oder Jugendliche sicher nach

Hause. Das Angebot mit unserem Sozialraum-Bulli zu fahren ist vielen lieber als eine Fahrt im Polizei-Bulli.

Bedarf besteht auch immer dann, wenn Anwohner sich zum Beispiel durch den Lärm der Jugendlichen gestört fühlen.

Die praktische Arbeit sieht dann manchmal so aus, dass ich angerufen werde dann raus fahre, um mit den Jugendlichen zu sprechen.

 

Wenn du manchmal zu später Tageszeit  noch mal losfahren musst, brauchst du ein sehr freundliches Gemüt? Wie kommst du mit den Jugendlichen in Kontakt?

 

Ich fahre erstmal dahin, wo die Störung gemeldet wurde, gehe auf die Jugendlichen zu und stelle mich vor. Viele der Jugendlichen kennen mich bereits. Ich stelle klar, dass es für mich in Ordnung ist, dass die Jugendlichen da sind, wo sie sich treffen. Dann erkläre ich, dass es Spielregeln gibt und dass ich mir Sorgen darum mache, dass bei Missachtung der Regeln die Polizei gerufen wird. Diesen Ärger möchten wir den Jugendlichen ersparen.

Ich schlage Alternativen vor, lasse meine Telefonnummer da und verabschiede mich dann wieder. So läuft  in der Regel ein Erstkontakt mit den Jugendlichen.

 

Um mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen spielt Kommunikation sicher eine übergeordnete Rolle, kannst du bitte erklären, worauf es dir dabei ankommt?

 

Zugang finde ich nur, wenn ich den jungen Leuten zugewandt bin, wenn sie spüren, dass ich für sie und nicht gegen sie bin.

Wenn ich mir wünsche verstanden und gehört zu werden, lasse ich mich auf mein Gegenüber ein und spreche, im übertragenen Sinn, in der Sprache der Jugendlichen.

Um in Kontakt zu kommen, ist mir das Wichtigste, dass ich zuhöre und keinen Druck ausübe. Ich biete Alternativen und Begleitung, bin dabei klar und transparent. Entscheidungen treffen die jungen Leute letztlich selbst. Somit kann man sagen, dass es sich zwischen den Jugendlichen und mir um eine partnerschaftliche Kommunikation handelt.

 

Peter, wie spürst du, dass dein Einsatz und dein Engagement sich lohnen? Wie stellt ihr, du und deine Kolleginnen und Kollegen  des Quartierteams fest, dass ihr richtig unterwegs seid?

 

Der Einsatz lohnt sich immer, für jeden Jugendlichen, für jedes Kind, für jede Familie, die Hilfe und Begleitung erfährt.

Grundsätzlich ist es wohl das Ineinandergreifen von Maßnahmen. Wenn zum Beispiel bei öffentlichen Veranstaltungen durch Analyse und genaue Betrachtung der Vergangenheit Auffälligkeiten konkretisiert werden können und diese in der neuen Planung Veränderung finden.

Ich freue mich, wenn wir durch unsere Anwesenheit und unsere zugewandte Haltung guten Kontakt zu den Jugendlichen finden und zur Deeskalation von Situationen beitragen.

Es berührt und motiviert mich, wenn ein eskalierender Jugendlicher in einer brenzligen Situation Vertrauen fasst, sich von uns beruhigen lässt, sein Gesicht waren kann und ein Abend ohne Polizei, Gewalt oder Vandalismus beendet wird.

Es sind die vielen Aktionen für Jugendliche, wo wir mit Faktor Ruhr präventiv sinnvolle Alternativen für Freizeitgestaltung bieten, die einfach auch Spaß machen. Zum Beispiel unser Projekt „Spray and Stay“, wo mit Genehmigung schöne Graffitis entstehen, das Streetlife – Haus der Jugendstraßenkultur, das neben vielen Angeboten ein Bastel- und Werkbereich erhalten hat. 

Viele Möglichkeiten, wo junge Menschen sich treffen und ausprobieren können.

Vor dem roten Haus steht ein Mountainbike, du selbst trägst Outdoor-Kleidung und hier steht ein Bergsteigerrucksack. Lieber Peter, du kümmerst dich beruflich um sinnvolle Freizeitbeschäftigung für Jugendliche und Kinder, wie sieht deine persönliche  Freizeitgestaltung aus?

 

Die Berge begeistern mich und ich möchte sehr gerne, bevor es altersgemäß zu anstrengend wird, noch auf den ein oder anderen Berg steigen. Eigentlich ist dieser Rucksack fast zu schade, um ihn als Arbeitstasche zu „missbrauchen“. Aber er gibt mir einfach ein gutes Gefühl und immer wenn ich ihn ansehe, fühle ich mich ein wenig so, als würde ich in die Berge aufbrechen. Er ist mein Gute-Laune-Bergluft-Wohlfühlanker im Alltag.

 

Lieber  Peter, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg beim Erklimmen von Bergen in deiner Freizeit und überwinden von Hürden im beruflichen Alltag.