Gespräch mit Walburga Schnock-Störmer

Pfützen der Traurigkeit

Liebe Frau Schnock-Störmer vielen Dank, dass sie sich Zeit nehmen und wir hier in ihrem sehr gemütlichen, bunten und fröhlichen Raum bei duftendem Apfeltee sitzen können.

Ich bin überrascht, auch wenn ich mir ihre Räumlichkeiten im Gemeindehaus Christopherus im Rosenweg nicht vorstellen konnte, habe ich sicher nicht eine so anregende wie gemütliche Atmosphäre erwartet. 

Herzlich willkommen. Ja, bei uns ist es ganz bunt, hier gibt es Möglichkeiten zu malen und zu basteln, wir haben Bilder an den Wänden, die unsere Kinder und Jugendlichen gemalt haben, wir haben gemütliche Sofas und Kuscheltiere. Zum Beispiel den Raben hier, das ist Freddy, der fliegt manchmal im Spiel mit unseren Kindern hoch in die Luft und übermittelt Mama oder Papa nochmal eine wichtige Botschaft.

Ein tröstliches Bild!

Schön, dass Kinder hier die Möglichkeit haben, ihren verstorbenen Eltern nochmal etwas mitzuteilen. Zum Beispiel, wenn sie besonders traurig sind und Nähe brauchen, wenn sie etwas Großartiges erlebt oder geschafft haben und stolz davon berichten möchten oder wenn sie einfach die Mama oder den Papa vermissen.

 

Der Gedanke daran, dass ein Elternteil geht und Kinder zurückbleiben, macht mich als Mutter in diesem Moment schon so betroffen, dass ich mich frage, wie sie Frau Schnock-Störmer den täglichen Umgang mit den trauernden Kindern und Jugendlichen und den Erwachsenen Angehörigen meistern?

 

Zunächst habe ich gelernt, dass Kinder Trauer anders ausdrücken als Erwachsene. Kinder springen in Pfützen der Traurigkeit und Erwachsene schwimmen dabei in Meeren.

Wenn ich mich darauf einstelle, die Welt mit den Augen der Kinder zu sehen und dass Kinder aus ihrer Pfütze schnell wieder rausgehüpft sind, kann ich ihnen gut folgen und ihnen Angebote machen, ihre veränderte Welt zu verstehen und zu meistern.

 

Meine Arbeit ist ein Prozess, in den ich hinein gewachsen bin. Ich bin im Sauerland groß geworden in toller Naturverbundenheit. Neben unserem Haus war der Friedhof und die Leichenhalle. Wir haben als Kinder im Hof gespielt und für uns war es normal, dass dort trauernde Angehörige hingingen, um sich von den Verstorbenen zu verabschieden. Wir wussten, dass die Toten dort zurecht gemacht wurden, damit man sie in guter Erinnerung behielt.

Als damals Dreijährige durfte ich dabei sein, als mein Opa starb. Er war meine große Liebe. Zum Abschied hat er etwas Wunderbares zu mir gesagt, wovon ich heute als Erwachsene noch zehre. 

 

Das ist etwas, was heute oft anders gemacht wird, wenn ich da kurz einhaken darf. Ich erlebe, dass kleine Kinder von Beerdigungen und sterbenden Angehörigen ferngehalten werden. Um sie zu schützen und um sie nicht mit der Trauer zu konfrontieren. Erleben Sie das in Ihrer Arbeit auch so?

Ja, das kommt vor. Leider, denn der Abschied von einem geliebten Menschen ist für das Verstehen und Realisieren so wichtig. Kinder sollten aufgeklärt werden, woran der geliebte Mensch gestorben ist.

Um nicht von schlimmen Phantasien geplagt zu werden. Um nicht die Schuld bei sich zu suchen. Kinder sollten die Chance bekommen mit den eigenen Sinnen zu spüren, wie starr ein toter Körper sich anfühlt und wie kalt, wenn das Leben entwichen ist.

Kinder stellen ganz pragmatische Fragen. Sie wollen wissen, wie der Körper von Mama oder Papa in die kleine Urne passt. Es ist einfacher für sie zu verstehen, wenn sie fühlen konnten, dass kein Leben mehr im Körper ist und die Hülle in Asche verwandelt wurde. Dann können sie hilfreiche eigene Bilder entwickeln.

Meine Tochter hat zu mir gesagt, als sie meinen verstorbenen Vater berührte und sich verabschiedete: "Das ist gar nicht mehr mein Opi, der ist schon raus gegangen, wie eine Schnecke aus ihrem Haus."  

 

Ich habe einen sehr natürlichen Umgang mit Verstorbenen in meiner Kindheit gelernt, habe später als Seelsorgerin in der Christopherus Gemeinde gearbeitet und kam immer in Berührung mit Familien, die Angehörige verloren hatten. 

Der für mich sinnvollste Bereich meiner Tätigkeit, waren und sind die zurückgebliebenen Kinder von verstorbenen Eltern und Angehörigen. Es liegt mir sehr am Herzen ihnen und ihrer Trauer Raum zu geben. Platz zu schaffen, für die Bedürfnisse sich in der Trauer auszudrücken und Mut zu schöpfen, das Leben weiter zu leben.

Ich habe mich als Trauerberaterin und systemischen Coach ausbilden lassen, um den Kindern und Jugendlichen und der gesamten Familie als kompetente Begleiterin zur Seite zu stehen. 

Leider wird professionelle Trauerbegleitung weder durch Krankenkassen noch staatlich finanziert. Deshalb besteht ein großer Teil meiner Arbeit auch darin "Spendenbettelbriefe" an Stiftungen zu schreiben, um Unterstützer und Partner zu finden, die unsere Arbeit finanziell begleiten. 

Frau Schnock-Störmer, um ihre Arbeit, soweit möglich sachlich und pragmatisch zu beleuchten, erklären sie bitte, wie der Kontakt zu ihnen verläuft, wenn man als betroffene Familie zu ihnen möchte?

 

Sie können mich telefonisch oder per E-Mail erreichen. Auf unserer Webseite www.leuchtturm-schwerte.de kann sich jeder über unser Angebot informieren und uns vorab ein wenig kennen lernen.

 

Wir verabreden uns zu einem ersten Gespräch ohne die Kinder und besprechen, was geschehen ist und wie der Tod das Leben der Familie verändert hat. Wir sprechen über die Stärken und Ressourcen der Kinder, die wir in der Trauer Begleitung weiter nutzen und ausbauen wollen. Wir sprechen über die besonderen Merkmale der verstorbenen Person und über die Beziehung zwischen ihr und dem Kind.

Diese Informationen sind wichtig, um den Kindern kostbare Erinnerungen zu sichern und um in vielen Alltagsaufgaben Trost finden zu können in dem Gedanken, was hätte denn Mama oder Papa dazu gesagt. Symbole aus der Beziehung spielen eine wichtige Rolle und werden in die Trauer Begleitung eingebunden. Kinder möchten im Alltag über Mama oder Papa oder den verstorbenen lieben Menschen sprechen.

 

Dann kommen die Kinder in Begleitung eines Angehörigen und gewöhnen sich an uns und die Umgebung. Jedes Kind erhält eine feste Bezugsperson aus dem Team, mit dem das Kind im Einzel dann alleine arbeitet. In den letzten 15 Minuten des gemeinsamen Gesprächs kommt der Erwachsenen dazu, damit die Kinder davon berichten, was sie gemacht haben. Somit bauen wir eine Brücke zu den Erwachsenen und stellen den Transfer in den Alltag her. 

 

Sie haben aber nicht nur Einzelgespräche mit Kindern richtig?

 

Trauer braucht Solidarität und Gemeinschaft, zu spüren, ich bin nicht allein, hilft sehr: Wir haben den Leuchtturm-Teentreff und das Jugendcafe, wo Jugendliche gemeinsam Musik hören oder Musik machen können, von ihren Erfahrungen erzählen dürfen, erleben, dass es den anderen ähnlich geht und gemeinsame Aktionen planen. 

Dann gibt es noch die Leuchtturm-Familiengruppe, wo auch Angehörige in einer eigenen geleiteten Gesprächs- und Begegnungsrunde Unterstützung und Antworten auf ihre Fragen im Umgang mit der eigenen Trauer und der Trauer der Kinder erhalten.

Ich glaube die Leser verstehen sehr gut, wie wichtig ihre Arbeit und der Raum für trauernde Kinder und Jugendliche ist. Viele von uns mussten sich schon einmal von einem lieben Menschen, einem Angehörigen verabschieden.

Viele wissen, wie schmerzlich das ist. 

Heute, im Gespräch mit ihnen, habe ich gelernt, dass Offenheit und Natürlichkeit im Umgang mit Sterbenden und dem Tod für den kindlichen Verstand sehr wichtig sind. 

Das Kinder von Verstorbenen im Alltag wenig Raum und Gelegenheit erhalten, Ihrer Trauer Luft zu machen. Verständlich, denn der Umgang mit Emotionen eines traurigen und verzweifelten Kindes fällt nicht leicht. Da vermeidet man eventuell lieber das Gespräch über den Verstorbenen. Um so wichtiger ist, dass es den Leuchtturm e. V. in Schwerte gibt und um so wichtiger ist es, dass es Ihr Team und sie, liebe Frau Schnock-Störmer gibt. 

Schwerte-Spricht ist Partner des Leuchtturm e. V. Schwerte und leitet die Spenden, die für die Gespräche und meine Arbeit erbeten werden, ohne Abzug an den Verein.

Eine letzte Frage möchte ich ihnen stellen, denn in meinem Leben geht es um das Arbeitsglück. Was macht sie arbeitsglücklich Frau Schnock-Störmer? 

 

Mich macht glücklich, ein wiedergewonnenes herzhaftes Kinderlachen und wenn Jugendliche auch nach dem Ende der Trauer Begleitung bei uns vorbeikommen und mir davon erzählen, was sie geschafft haben und wie sie ihr Leben jetzt gestalten. Das ist eine tolle Ernte.

Außerdem macht mich glücklich, wenn wir Partner, wie die Bethe Stiftung, die Karl-Bröcker-Stiftung und Menschen, wie Stefan Bauer und viele andere Unterstützer finden, die die Arbeit mit den trauernden Kindern überhaupt ermöglichen.