Gespräch mit Uwe Görke-Gott

Mut, Liebe, Engagement, Uwe!

 

Lieber Uwe, ich finde die drei Begriffe aus der Überschrift beschreiben dich sehr umfassend. Viele Menschen, auch über Schwerte hinaus kennen dich und kennen deine Geschichte. Unser Gespräch hat mich sehr bewegt und tagelang beschäftigt. Mir war nicht klar womit ich beginnen möchte oder sollte.

Deine Lebensgeschichte bietet und damit übertreibe ich nicht, Stoff für mehrere Folgen Tatort. Das Recht darüber öffentlich zu werden, gebe ich in deine Verantwortung zurück.

Für mich bist du eine Herausforderung, denn du hast Interviewerfahrung, hast viele Talkrunden gemeistert und bist den Umgang mit den Medien gewohnt. Du bist AIDS Aktivist, Träger des Bundesverdienstkreuzes, Autor, Mensch, Hundepapa von Molle und noch Vieles mehr. 

Du hast bereits ein Buch über deine Lebensgeschichte geschrieben. Du bist erkrankt, du bist wertvoll und liebenswert, du nennst dich selbst ein "Emotionsmonster". Letzteres kann ich bestätigen und finde deine Tränen sympathisch und echt. Mich interessiert, warum du mit deinem Leben so öffentlich bist?   

Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer ist sicher, weil ich gesehen werden möchte. Das ist ein Bedürfnis, was ich seit meiner frühesten Kindheit habe und zu stillen versuche.

Meine Mutter hat meine Geschwister und mich, wir waren insgesamt sechs Kinder, in ein Heim gegeben. Wir waren alle nicht gewollt.

 

Ich war zunächst allein im Kinderheim in Iserlohn, bis durch einen Zufall herausgefunden wurde, dass meine fünf Geschwister in einem Kinderheim in Menden untergebracht waren. Danach konnten zumindest wir Kinder zusammengeführt werden. Früher kamen fremde Familien in die Einrichtung und wir Kinder mussten uns aufstellen, damit man uns "aussuchen" konnte. Ich blieb immer stehen und wurde nicht ausgesucht.

Ein weiteres Anliegen mein Leben öffentlich zu machen war und ist meine Homosexualität und meine Erkrankung. Ich bin HIV-positiv. Mein selbst gewählter Umgang mit der Krankheit AIDS ist die Offensive, der Wille zu leben und die Aufklärung. Darüber habe ich auch ausführlich in meinem Buch geschrieben.

Wenn ich dich richtig verstanden habe, hat sich dein Engagement bezüglich deiner Krankheit ein wenig gewandelt, beziehungsweise erweitert. Kannst du dazu bitte etwas mehr sagen?

Ich war und bin immer noch Ansprechpartner für viele Menschen mit der Diagnose HIV positiv. Ich kenne die Todesangst, die Sorgen, die Schmerzen und die Scham, mit der HIV Infizierte leben müssen. Online trauen sich Menschen manchmal eher und stellen Fragen direkter. Online können sie ihr Gesicht wahren.

 

Ich habe im Fernsehen, in Zeitungen und Institutionen Interviews zur Krankheit AIDS gegeben und meine Erfahrungen geteilt. Ich kläre auf, war in Schulen bei jungen Menschen und habe mich der Konfrontation und Anfeindungen gestellt.  

Öffentlich zu sein, heißt sich angreifbar zu machen.

Ich ertrage seit Jahren Vorurteile, Vorwürfe und Aggression gegen mein Schwulsein und der Krankheit AIDS.

Wie kannst du das aushalten Uwe? Und ich glaube die Antwort könnte in dem Wandel deines Engagements zu finden sein.

Ich halte es aus, weil ich geliebt werde und weil ich grandiose Unterstützung durch meinen Mann erhalte. Er ist die Liebe meines Lebens. Er ist der Mensch, der mich wirklich sieht und stillt damit meine Bedürfnisse geliebt und geschätzt zu werden. Das ist genau das, wonach ich mich sehne. 

 

Das gibt mir die Kraft für die Menschen zu kämpfen, die wie ich Angst vor dem Tod haben. Im Besonderen davor, dass der HIV-Virus aktiv wird und somit das Vollbild AIDS entsteht.

Die Liebe in meinem Leben gibt mir die Hoffnung zu leben und weiter zu machen. Ich bin nicht mehr nur schwul und an AIDS erkrankt. Ich bin ein Mensch, der die Natur und das Leben liebt, der sich für Andere einsetzen möchte und ich versprühe Hoffnung in die Welt, vor allem in die virtuelle Welt!

Wenn man dich online "verfolgt" wird genau das deutlich. Du verschenkst täglich eine Prise gute Laune und rufst auf zur Besinnung, die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen. An den Reaktionen der Menschen kann man erkennen, dass das gebraucht und sehr gemocht wird. Die Leute folgen dir, diskutieren mit dir und ziehen mit dir an einem Strang. Was ist denn dein aktuelles Projekt in Schwerte? 

Aktuell suche ich Menschen, die mit mir daran arbeiten die Region rund um die Unterführung am Schwerter Bahnhof zu säubern. Diese Region besteht seit 25 Jahren aus Dreck. Hier kläre ich gerade, was wir tun dürfen und ob ich damit beginnen darf, denn dazu muss ich die Bahn, der das Gelände gehört erst fragen. Wer sich daran beteiligen möchte, darf sich gerne an mich wenden.

Uwe, ich bin begeistert, dass du die Kraft aufbringst und den Einsatz für Schwerte leistest. Dafür meinen Respekt.

Ich bin mir sehr sicher, dass das gemeinsame Erreichen von Zielen motiviert weiter zu machen und das du durch dein öffentliches Engagement auf deine Weise arbeitsglücklich bist?

Danke. Ja ich bin mit meinem Einsatz arbeitsglücklich. Ich bin dankbar, dass ich trotz meiner Krankheit das Vertrauen der Menschen genieße, um zum Beispiel meinen Job als Hausmeister bei freier Kräfte- und Zeiteinteilung machen zu dürfen. Und den mache ich sehr gerne!

Aktiv zu sein, ein Teil des ganz normalen und sozialen Lebens zu sein, positive Energie von meinen Lesern zu "saugen" und einfach zu leben, macht mich dankbar und zufrieden. Von diesem Glücksgefühl gebe ich gerne täglich ab, um auch andere Menschen damit zu erreichen.

Lieber Uwe, herzlichen Dank für das offene, ehrliche und berührende Gespräch, schön, dass wir uns kennen gelernt haben. 

Dir und deinem Mann wünsche ich, dass ihr in Schwerte frei und sicher leben könnt, dass euch die Kraft und die Energie für eure wichtigen Anliegen bleibt und ihr euch nicht vor Anfeindungen schützen müsst.