Gespräch mit Birgit Wippermann

MIT LEIDENSCHAFT FÜR DIE GLEICHBERECHTIGUNG

 

  

Liebe Frau Wippermann, vielen Dank, dass sie sich die Zeit nehmen und mir einen Einblick in ihre Arbeit geben.

Als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Schwerte erfüllen sie  eine gesetzliche Pflichtaufgabe. Bitte erklären sie, wie ich mir ihren  Aufgabenbereich vorstellen darf und woran sie arbeiten, um Gleichstellung zu erreichen?

 

Mein Aufgabenbereich unterteilt sich in interne und externe Arbeitsbereiche. Inhaltlich geht es in beiden Bereichen um die Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen und Männern.

Im Rathaus bin ich für die Beschäftigten die Ansprechpartnerin für Fragen zum Thema Gleichstellung, das sind oft herausfordernde Situationen, wie zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Generell bin ich bei allen personellen, sozialen und organisatorischen Maßnahmen zu beteiligen.

Zudem können sich Bürgerinnen und Bürger bei Gleichstellungsfragen unbürokratisch an mich wenden. Für viele ist die Verwaltung auch heute noch mit Hemmschwellen versehen. Diese unbürokratische Hilfe empfinde ich als Arbeit an der Basis und es ist mir ein Anliegen mit Kommunikation und Menschlichkeit unkompliziert zu bleiben. 

Ich kümmere mich darum, dass sich unterschiedliche Frauenverbände vernetzen und gemeinsame Projekte finden. Das schafft Perspektivwechsel, Verständnis für die jeweilige Arbeit und birgt innovatives Potential, dass wir gerne nutzen möchten.

 

In unterschiedlichen Projekten, die durch unser gutes und unkompliziertes Netzwerk entstehen, vertreten die Frauen gemeinsam ihre Rechte, stärken ihr Selbstbewusstsein und schaffen sich dadurch eine Plattform, auf der sie gehört werden. Ein Forum, wo Frauen sich und ihre Anliegen präsentieren können.

 

Ein großer Teil meiner Arbeit ist die Öffentlichkeitsarbeit. Dabei ist es mein Anliegen, die Leistung von Frauen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stellen und das Thema Gleichberechtigung mit vielen verschiedenen Projekten lebendig zu halten.

 

Das hört sich vielseitig und spannend an.  In Vorbereitung auf unser Gespräch und mit meinem Blick als Mutter zweier Töchter, habe ich mich gefragt, wann und woran ich merke, dass Gleichberechtigung und Gleichstellung nicht mehr „erkämpft“ werden müssen?

 

Vermutlich dann, wenn Frauen die gleichen Fehler machen können wie Männer und von ihrer Leistung zu 100 Prozent überzeugt sind. Frauen hinterfragen tendenziell, dass, was sie tun und leisten stärker.  Es wird spürbar sein, wenn Gleichberechtigung gelebt wird: Frauen und Männer leben partnerschaftlich und gewaltfrei zusammen. Respekt und Wertschätzung für unterschiedliche Lebensmodelle stehen im Vordergrund. Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen sind geschlossen. Herrenwitze sind out. In allen Unternehmen, Regierungen und Institutionen des Landes wird die Arbeit paritätisch von Frauen und Männern erbracht.

 

In vielen skandinavischen Ländern, insbesondere in Schweden sind Bildung und Gleichstellung politische Staatsziele.

Im deutschen Grundgesetz ist verankert, dass Frauen und Männer gleichgestellt sind. Dafür haben Frauen Wäschekörbe voll Unterschriften sammeln müssen. Diese Rechte sind noch nicht selbstverständlich, oft genug müssen sie aktiv von den Frauen eingefordert werden

 

Wenn wir unseren Blick in östliche Richtung zum Beispiel nach Indien und Bangladesch richten, begegnen wir Mädchen wie Malala Yousufzai, eine Kinderrechtsaktivistin. Oder den „Wedding Busters“ aus Bangladesch, so nennt sich eine Gruppe Kinder und Jugendlicher, die Zwangsehen von Minderjährigen verhindern wollen. Ähnlich die so genannte „rote Brigade“, eine Vereinigung junger Frauen zwischen 14-19 Jahren, die in Kampfsportarten ausgebildet werden, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen.

Das alles im Jahr 2016. Da geht es Mädchen und Frauen in Deutschland doch gut, oder?

 

Es ist sehr erschütternd und unbegreiflich, dass Frauen und Kinder in diesen Ländern und in vielen weiteren Gebieten der Welt um ihre grundlegenden Rechte und um ihr Leben kämpfen müssen. In Deutschland findet Gewalt gegen Frauen allerdings auch in allen Schichten statt. Jede dritte Frau hat sexuelle und körperliche Gewalterfahrungen und jede vierte im Alter zwischen 16 und 85 Jahren häusliche Gewalt erlebt.

 

Liebe Frau Wippermann, als Coach für Arbeitsglück & Veränderungslust arbeite ich oft mit Frauen, die sich neu orientieren möchten, die mit ihrer Arbeit unzufrieden und unglücklich sind. An dieser Stelle interessiert mich besonders, wodurch sie in ihrer Tätigkeit so unübersehbar arbeitsglücklich werden und was ihnen als Gleichstellungsbeauftragte besonders wichtig ist?

Ich mache diese Arbeit allen Ernstes nun schon seit 25 Jahren und wirklich arbeitsglücklich macht mich die Arbeitsgemeinschaft Schwerter Frauengruppen. Dieses starke Team, in dem wir gemeinsam schon so viel erreichen konnten und so viele gute Projekte miteinander gemeistert haben. An dieser Stelle möchte ich Gudrun Körber, Helga Hübner und Jennifer Petroll erwähnen und natürlich die vielen anderen tollen Frauen, ohne die unsere Arbeit nicht so gut voran kommen würde. Das macht mich arbeitsglücklich. Wir alle wollen die Leistungen von Frauen in die Öffentlichkeit bringen.

Ein sehr gutes Beispiel ist hier aus dem Jahr 2012 die Dokumentation „Zeit für Schwerte“, eine Umfrage zum ehrenamtlichen Engagement Schwerter Frauen. Nachzulesen ist dort unter anderem, wie hoch das Sozialkapital, also die Berechnung der Freiwilligenleistungen ist. Ein nicht wegzudenkendes Potential. „Unbezahlt, aber unverzichtbar“, titelte die Westfälische Rundschau.

 

Wichtig sind mir auch die Themen der Zukunft. Eine Herausforderung wird sein, die jüngeren Frauen einzubeziehen. Die erreichen wir über andere Themen und über andere Medien.

Die kulturelle Community ist zukünftig sicher ein ergiebiger und wichtiger Bereich für mich und meine Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte.

Zusammenfassend ist es die politische Partizipation von Frauen. Meine Aufgabe sehe ich darin, die Frauen da abzuholen, wo sie in ihrer Lebensphase gerade sind. Die Lebensphasen Kita und Schule zum Beispiel bieten gute Möglichkeiten für die Frauen zu sehen, welchen Einfluss sie nehmen können, wie sie mitgestalten können und ihre eigene Position finden können.

 

Viele Frauen freuen sich jedes Jahr auf die sehr erfolgreichen Weibsbilderabende in der Rohrmeisterei. Was macht ihrer Meinung nach den Reiz für diese Veranstaltung aus?

 

Das ist tatsächlich ein sehr erfolgreiches Format und ich denke die gute Mischung von Kultur und Kulinarik, von Humor und Information sowie die wechselnden Gäste, die wir präsentieren, machen den Reiz für die Frauen aus.

Mit der Rohrmeisterei, Tobias Bäcker und seinem Team haben wir für die Weibsbilderabende natürlich auch einen sehr schönen Rahmen und werden dort mit einem tollen Menu verwöhnt.

Die Frauen mögen die Interviews mit unseren Gästen, die als Schwerterinnen in den vielfältigsten Bereichen aktiv sind bzw. in Schwerte arbeiten. Dann ist es immer mucksmäuschenstill im großen Saal der Rohrmeisterei und alle hören gespannt zu. Unser Programm für die Frauen ist historisch, aktuell und kulturell zum mitdenken ausgesucht und so gefällt es den Frauen richtig gut.

 

Bilder von Bernd Paulitschke

Frau Wippermann gerade ist hier im Rathaus die Schwerter Ruhrfee vorbeigekommen und hat ihnen drei Wünsche neben unseren Plätzchenteller gelegt. Welche drei Wünsche darf ihnen die Ruhrfee erfüllen?

Oh, das ist toll. Tatsächlich habe ich Wünsche.

Zuerst wünsche ich mir einen regen Austausch auch in Gleichstellungsdingen zwischen den Einwohnerinnen und Einwohnern, der Verwaltung sowie der Politik. Ich wünsche mir, dass hier ein guter Dialog stattfinden kann, denn aus den Reihen der Bürgerinnen und Bürger kommen oft tolle Ideen und Anregungen.

Besonders wichtig wäre, dass keine Frau wegen der Kinder mehr im Job zurückstecken muss. Männer nehmen ihre Vaterpflichten genauso wahr wie die Mütter und Eltern verhalten sich von Anfang an so, dass ihre Kinder - Jungen wie Mädchen nicht unter einengenden Geschlechtsrollenklischees leiden. Die Erwartungen der Erwachsenen, wie sich ein Junge oder ein Mädchen zu verhalten habe, wirken schon sehr früh auf die kindlichen Gehirne.

Zur Anschauung meines Themenfeldes empfehle ich hier die Szene in der ZDF-Sendereihe Die Anstalt, in der Caroline Kebekus, die eine weibliche Biographie im Wettstreit mit einem jungen dynamischen Mann durchläuft und am Ende bei der Pflege der Schwiegereltern erschöpft zusammenbricht (vgl. Feminismus ist zum Gähnen. Die Anstalt vom 28.04.2015 mit Max Uthoff und Claus von Wagner) auf YouTube zu sehen.

Drittens wünsche ich mir, dass alle benachteiligten Gruppen, insbesondere Alleinerziehende mehr Gehör finden. 

Ein kleiner privater Wunsch wäre, dass mein 17 jähriger Sohn dieses Jahr noch Lust hat, mit mir Plätzchen zu backen. Das ist immer so schön entspannt und lustig.

 

Das wünsche ich ihnen sehr Frau Wippermann. Ich möchte mich ganz herzlich für das Gespräch bedanken und ich finde, sie sind die beste Gleichstellungsbeauftragte, die wir uns für Schwerte wünschen können. Ihre Leidenschaft für das Thema Frauen und Gleichberechtigung konnte ich in unserem Gespräch deutlich erkennen. Wie sehr sie ihre Arbeit mögen und wie wichtig ihnen ihr Thema ist, finde ich beeindruckend. 

Sicher ist ihr persönlicher Einsatz, ihre Herzlichkeit und ihre persönliche Art mit der sie für Bürgerinnen und Bürger greifbar und nahbar sind, der Schlüssel für 25 Jahre erfolgreiche Arbeit in der Frauenpolitik. Schön, dass Sie für die Stadt Schwerte arbeiten.