Gespräch mit Britta Trautmann

Aufgewachsen in "Schwertes Wildnis"

Liebe Britta, wir haben uns vor acht Jahren im Pekip Kurs von Katrin Krüger hier in Schwerte mit unseren beiden Kindern kennengelernt. Damals hat deine Tochter Hannah mich beeindruckt, als sie mit nur neun Monaten selbstständig, auf ihren zwei Beinchen zur Tür hinein gelaufen kam. 

Damals warst du noch in Elternzeit und heute bist du Konrektorin der Lenningskamp Schule in Schwerte. Wie funktioniert dein Alltag als Mutter von drei Kindern und Konrektorin?

Wie bei allen anderen berufstätigen Müttern auch. Das Gefühl, beide Seiten kommen zu kurz, ist mal mehr und mal weniger ausgeprägt, aber immer irgendwie vorhanden.

Allerdings kann ich behaupten, Lehrerin besonders Grundschullehrerin zu sein, ist der beste Beruf, den ich mir für mich vorstellen kann. Meine eigenen Kinder sind im ähnlichen Alter, wie meine Schüler. Das hat für mich den Vorteil, zuhause im selben Thema wie im Unterricht zu stecken. Die Kinder haben ähnliche Interessen und erleben eine parallele Entwicklungspsychologie, so bin ich immer auf dem Laufenden und muss mich gedanklich nicht großartig umstellen. Anders wäre es, wenn ich beruflich und privat unterschiedliche Altersstufen betreuen würde.  

Das hört sich logisch an. Vermutend möchte ich ergänzen, dass du über das bestimmte "Pädagogen-Gen" verfügst?

Mein erster Gedankenimpuls war nämlich gerade, und ich habe nur zwei Kinder, dass man als dreifache Mama Lust dazu verspüren könnte, beruflich auch "gut" ohne Kinder auskommen zu können?

Bitte nicht falsch verstehen, ich mag Kinder, sonst hätte ich keine. Bemerkenswert ist für mich grundsätzlich, wie viel Kraft und Nerven Pädagogen besitzen, wenn sie sich um eine Horde Kinder kümmern, sie unterrichten und entwickeln, obwohl sie zu Hause schon so beansprucht werden. Deswegen "Pädagogen-Gen".  

Entgegen der Vermutung, dass in unserer Familie dieses "Pädagogen-Gen" Relevanz haben könnte, mein Vater war ja Konrektor an der Albert-Schweizer-Schule, habe ich mich, übrigens gegen seine Empfehlung, für den gleichen Beruf entschieden.

Ich habe zuvor sogar mal einen anderen Weg ausprobiert, weil ich dachte, eine Tätigkeit als Industriekauffrau könnte meiner Ordnungsliebe, meinem strukturellen Denken und meinem Interesse an der Mathematik entsprechen. Das war aber dann doch nicht so der Fall.

Heute weiß ich, dass ich an der Grundschule goldrichtig bin. Vor allem, wenn ich spüre, dass die Kinder sich auf mich freuen und morgens  oft höre:

"Frau Trautmann, Frau Trautmann, du bist die beste Lehrerin der Welt! Ich hab dich sooo lieb!" (Zitat von der kleinen Mia).

Das genieße ich in vollen Zügen. An Grundschulen kann man viel geben und bekommt emotional auch viel zurück. Das unterscheidet den Dienst an weiterführenden Schulen. Die Kinder und Jugendlichen sind dort entwicklungsbedingt schon "verkopfter".  

Das mag sein und ich verstehe gut, wenn du diese Art von Komplimenten genießt.

Britta, was glaubst du, warum die Berufsgruppe Lehrer neben vielen anderen vermehrt Burnout gefährdet ist?

Ist das so, ich dachte, dass sei eine Manager-Krankheit?

Ja, ich glaube neben Führungskräften und Managern gibt es weitere Berufsgruppen, wie Lehrer, Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Ärzte und Menschen, deren Tätigkeit mit zwischenmenschlichen "Extremsituationen" einhergehen, sind vermehrt von Burnout betroffen.

Vielleicht liegt es am persönlichen Anspruch, den Lehrer an ihren Beruf haben. Ich hatte acht Jahre Pause, durch meine drei Kinder. In dieser Zeit hat sich viel geändert. Die Klassengrößen, die Herausforderungen zum Beispiel Flüchtlingskinder zu integrieren und natürlich die Inklusion. Der Umgang mit Integrationshelfern, Absprachen mit dem Jugendamt, den Sonderpädagogen und sonstigen Institutionen. Leistungsorientierte Eltern, denen wir Lehrer gerecht werden möchten und müssen. Das ist ein komplexer Apparat. 

Die Kinder sind unsere Schutzbefohlenen und Lehrer sind sich dieser Aufgabe bewusst. Neben dem Unterrichten, gibt es viel Arbeit, die wir mit nach Hause nehmen. Wie die Unterrichtsvorbereitung, das Korrigieren, Zusatzarbeit durch anstehende Elterngespräche und viele organisatorische Tätigkeiten, wie Anfragen von Praktikanten oder Organisation von Projekttagen, Sommerfesten und Weihnachtsfeiern, die wir liebevoll für die Schüler gestalten möchten. Vielleicht liegt da eine besondere Belastung, die auch mal zur Überforderung führen kann. 

Liebe Britta, du bist in Schwerte geboren, lebst mit deiner Familie hier und deine Arbeit als Konrektorin, könntest du vermutlich auch bis zur Rente so fortführen. Hattest du nie das Bedürfnis Schwerte zu verlassen oder ist so etwas für deine Zukunft mal geplant? 

Ich habe meine Kindheit auf dem Land, quasi am "Ende der Welt", Am Pflanzgarten (Rote Haus Straße) in Schwerte verbracht. Vom "Landei zur Stadtpflanze", von der "Wildnis ins Großstadtrevier", mehr Veränderung und mehr Großstadtflair als Downtown Schwerte brauche ich nicht zu meinem Glück.

Bei uns gab es damals keine Busverbindung, wir Kinder sind mit Taxi Salgert zur Schule und zurückgekommen. Mein Vater hat meine Schwestern und mich immer nach Schwerte kutschiert. Allein mich viermal die Woche zum Volleyballtraining und meine beiden Schwestern haben auch Sport gemacht und Hobbys und Freunde in Schwerte gehabt.

Als wir älter wurden, sind wir auch viel mit dem Rad gefahren. Aber die Kindheit vor den Toren der Stadt war prima, wir haben immer draußen gespielt. Mit 11 Kindern in unserer Straße, sind wir im Winter Schlitten gefahren und haben im Sommer den Ententeich meines Onkels zum Schwimmbad umfunktioniert. Ein wenig Bullerbü-Gefühl mit vielen Kindern in unterschiedlichen Altersgruppen.

Nach dem Abi hat meine Mutter mich aus dem Haus gejagt. Sie hat wörtlich gesagt:

"Mit 19 gehst du raus und wirst selbstständig!" Hätte sie das nicht getan, wäre ich vermutlich noch viel länger zuhause geblieben. Ich habe mich dort immer sehr wohlgefühlt. 

Zum Studium bin ich nach Paderborn gegangen und mein Referendariat musste ich in Arnsberg leisten, das war auch nicht so meine Traumstadt. Ich bin gerne in Schwerte und fühle mich hier wohl.

Das kann man sehr gut heraushören, Britta. Ich weiß nicht, ob dir die Ruhrfee schon bekannt ist? Während du gerade von Bullerbü gesprochen hast und in Gedanken durch den Ententeich geschwommen bist, war sie da und hat dir drei Wünsche neben deine Rhabarberschorle gelegt. Auf die Wünsche, fertig, los!

Mein erster Wunsch, Konrektorin in Schwerte zu werden, hat sich bereits erfüllt, daher habe ich nur zwei Wünsche. 

 

Wenn ich so an meine eigene Kindheit denke, dann wünsche ich mir für meine Familie Gesundheit und für meine Kinder eine unbeschwerte schöne Kindheit, an die sie sich gerne erinnern, wenn sie erwachsen sind. Am liebsten möchte ich in Zeiten wie diesen, wo Kriege, terroristische Anschläge und politische Unruhen unser Leben deutlich beeinträchtigen, alles so festhalten, wie es aktuell für uns als Familie läuft.

 

Zweitens wünsche ich mir, dass ich mir mal Reisen in ferne Länder zutraue. Ich bin nämlich eine "Schissbuchse", was das betrifft. Die Wahl entsprechender Hotels, lange Flüge und überhaupt auf die ganze Aufregung vor solchen Reisen, würde ich gerne verzichten können, denn die Länder interessieren mich. Aber Bensersiel ist ja auch ganz hübsch;-)

Vielen Dank Britta, für das offene und persönliche Gespräch und die Einblicke in deine Kindheit. Das war ein sehr schönes Gespräch.