Gespräch mit Jessica Toliver

Mein Weg ist Kunst

Foto Bernd Paulitschke

Liebe Jessica, wenn ich in Schwerte unterwegs bin, kann ich fast schon darauf wetten, dass ich dich mit deiner Tochter auf dem Rad oder Bernd, deinen Mann mit eurer Tochter auf dem Rad treffe. Gefühlt begegnen wir uns hier täglich irgendwo in Schwerte. Beim Einkaufen, auf dem Fahrrad, bei kulturellen Veranstaltungen, in der Rohrmeisterei, bei Geburtstagen von Freunden oder während du irgendwo mit Menschen stehst und plauderst. Mein Eindruck von dir hier in Schwerte ist, dass du dich wohl fühlst, Angebote dieser Stadt nutzt und sehr bekannt und verwurzelt bist, liege ich damit richtig?

Fotos Bernd Paulitschke

Ja, das ist richtig, ich mag diese kleine Stadt. Schwerte ist kulturell sehr aufgeschlossen. Ich bin allerdings nicht hier geboren. Ich habe meine Kindheit in Coburg und in Graz in Österreich verbracht. Erst als Jugendliche kam ich zum ersten Mal nach Schwerte.  

 

Das wusste ich nicht, wie kamst du nach Österreich und warum von dort in das beschauliche Schwerte an der Ruhr?

 

Meine Mutter hat einen Opernsänger geheiratet und als ich neun Jahre alt war, sind wir von Coburg nach Graz gezogen. Der Mann meiner Mutter hatte dort sein nächstes Engagement. Ich bin in Graz in eine Ursulinenklosterschule, eine reine Mädchenschule gegangen. Dort hat es mir gut gefallen. Die Schule und ihre Lehrkräfte war sehr streng, aber schon zur damaligen Zeit in verschiedenen Fächern in Leistungsgruppen unterteilt, so dass jeder gut auf seinem Niveau gefördert werden konnte. 

Zweieinhalb Jahre bin ich dort zur Schule gegangen. Rückblickend habe ich einen leichten Kulturschock erlitten, als ich vom pittoresken, aufgeräumten, teils spießigen Coburg über das kulturell interessante Graz in die Ruhrpott-Metropole Dortmund Hörde kam.

Das ist sicher eine Herausforderung. Nicht nur von Coburg über Graz nach Hörde zu ziehen, sondern generell als Kind und Jugendliche häufig die Schule, lieb gewonnene Freunde und das Zuhause zu wechseln und jeweils neue Orientierung zu finden, oder?

Das war tatsächlich nicht ganz ohne, hat mich aber auch irgendwie geprägt und selbstständig, interessiert , kontaktfreudig und zugewandt gemacht.

Nach Dortmund kam ich, weil mein Vater dort sein nächstes Engagement bekam und wir nach Berghofen zogen. Als freiberuflicher Künstler mußte er flexibel bleiben und dahin gehen, wo er gebucht wurde.

Eine kurze Zeit ging ich in Hörde zur Schule, um dann aber glücklicherweise auf das Schwerter RTG zu wechseln. So bin ich täglich von Berghofen mit dem Bus 471, das war damals die Buslinie, über den Schwerter Wald mit meinem Walkmann auf den Ohren, bis zum RTG gefahren.

Tja, da bekommt deine Geschichte einen ganz aktuellen Bezug, wenn es um die Kinder aus dem Dortmunder Süden geht, die gerne auf Schwerter Schulen gehen möchten. Das war auch damals schon ein Thema, welches ich an dieser Stelle aber nicht vertiefen möchte. War das letztlich dein Weg nach Schwerte?

Nein noch nicht ganz. Mit 17 Jahren habe ich das RTG wieder verlassen, wollte zuhause ausziehen und habe dann kurz darauf in Dortmund eine Schule besucht, wo ich mein Fachabitur in Gestaltung gemacht habe. Diese Schule hat mich sehr viel mehr angesprochen und mir mehr Freude gemacht, denn Gestaltung wurde schon damals mein Thema.

Im Zuge dieses Fachabiturs, habe ich mein einjähriges Praktikum am Theater in Dortmund absolviert. Als Praktikantin der Requisite bat mich irgendwann die Ausstatterin des Theaters darum eine Kopfmodellage anzufertigen. Mit der Fertigung der Kopfmodellage hat ich meinen Fuß in der Tür und erhielt danach eine Festanstellung in der Ausstattung. Dort war ich in der Gestaltung tätig und habe leidenschaftlich viel und intensiv gearbeitet.  

Ein schlecht bezahlter, Familien unfreundlicher Job, den ich sehr geliebt habe und mit viel Herzblut ausgeübt habe. 

So ist es ja leider häufig. Viel Herzblut und intensive Arbeitszeit für wenig Lohn. Was ist geschehen, dass du heute nicht mehr Bühnenbild, Ausstattung beziehungsweise am Theater in Dortmund bist?

Mit Mitte Zwanzig, zu der Zeit, als Handys und damit die ständige Erreichbarkeit in mein Leben traten, wurde mir klar, dass ich diesen Job nicht für immer machen wollte. Ich brauchte eine Auszeit. Ich habe mich ein wenig treiben lassen, habe in Berlin und Leipzig gelebt und bin damals viel gereist und habe auf Reisen meinen Geist erweitert. Ich war auf dem Weg und wollte mich neu orientieren.

Während eines Besuch bei meiner Familie in Coburg, hat mir meine Tante ein Buch der Künstlerin Dorle Reukauf-Jacob geschenkt. Sie hat klassische Biedermeier Scherenschnitte gemacht. Davon war ich angefixt und begeistert. So kam die Technik Scherenschnitte in mein Leben.

Fotos Bernd Paulitschke

Wie wunderbar, dass du dir eine Auszeit genommen hast, um dich beruflich und vor allem künstlerisch zu orientieren. Was haben deine Eltern dazu gesagt? Ich erlebe häufig in meiner Arbeit, dass diese Sehnsucht nach Auszeit und neuer Orientierung unterdrückt wird und nicht stattfinden kann, weil es in den beruflichen Karriereplan nicht hineinpasst.

Die Unterstützung meiner Eltern hatte ich. Sie sind beide freiberufliche Künstler und wissen, dass es Zeit braucht sich zu finden und Raum braucht sich auszuprobieren. Ich selbst habe mir dann häufig Druck gemacht und habe gedacht, dass ich Abschlüsse und Sicherheit brauche. Das habe ich beispielsweise daran bemerkt, als ich mich mit meiner Mappe an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig beworben habe und dachte, dieser Weg sei der Richtige. Umso enttäuschter war ich, als mich der damalige Professor nach dem Betrachten meiner Arbeiten ablehnte. Er tat dies sehr freundlich und hat mir meine Augen geöffnet, indem er sagte, ich sei nicht mehr formbar. Ich sei schon sehr auf meinem Weg und das Studium wäre für mich nicht mehr das Richtige. Er hat mir in dem Moment einen moralischen Schubs gegeben. Hat mir attestiert, dass ich Autodidaktin bin, dass ich Quereinsteigerin und "Selbermacherin" bin und dass ich das auch ohne Studium hin bekomme. 

Der Anruf meiner Freundin Wibke aus Schwerte, kam in dem Moment gerade zum richtigen Zeitpunkt. Sie hat mich auf einen freien Platz in einem Atelier neben der Rohrmeisterei hingewiesen und somit war ein wichtiger Wendepunkt meines Lebens gefunden.

Manchmal passt eben alles zusammen und man sieht den Weg klar vor sich.  So bist du also zurück nach Schwerte gekommen und hast begonnen als freie Künstlerin zu arbeiten? Wie hast du dir diese mutige Selbstständigkeit aufgebaut?

Fotos Bernd Paulitschke

Genau, in dem Moment hat alles gepasst. Ich saß im wunderbaren Cafe Grundmann in Leipzig und habe meinen Businessplan für meine Selbstständigkeit mit Scherenschnitten geschrieben. Freunde aus Schwerte haben meinen geliebten Hund Sofie, mich und meine sieben Sachen in einen roten Bulli gepackt und so bin ich in Schwerte angekommen. 

Um mich dahin zu entwickeln, wo ich heute bin, hat es noch einige Wendungen und Unterstützer und Freunde gebraucht. So bin ich zum Beispiel Tobias Bäcker von der Rohrmeisterei dankbar, dass er in meiner Arbeit Potential gesehen hat und mich unterstützt hat. Kollegen, wie Konrad Horsch, meinem befreundeten Schreiner und Menschen, die mich auf meinem Weg vom kommerziellen Design mit künstlerischer Zugabe, zu einer freien Künstlerin, die ich heute sein darf, begleitet haben. 

Ich fertige Kunst, die aus mir und meinem Herzen kommen und glücklicherweise gibt es interessierte Menschen, die meine Kunst mögen.

Foto Bernd Paulitschke

Weil ich selbst freiberuflich arbeite und wie du Mutter bin, sind mir die Herausforderungen des Arbeitsalltags gut bekannt. Wir müssen uns unsere eigene Struktur schaffen, um die Arbeit zu erledigen und nicht die Hausarbeit und das Muttersein mit der eigentlichen Arbeit zu vermischen. Mir gelingt das mal besser und mal schlechter. Wie ist deine Arbeitsstruktur?

Ich sehe es als großen Vorteil, dass ich mein Atelier zuhause habe und zwischen den von dir angesprochenen Herausforderungen, kurze Wege habe. So kann ich zwei Stunden konzentriert zum Beispiel an meinem Schneidetisch arbeiten, um dann meine Schneidehand zu entlasten und fix eine Maschine Wäsche zu machen oder meinen Lieben ein Mittagessen zu kochen. Darüber freuen sie sich nämlich immer sehr ;-)

Grundsätzlich bin ich eine bodenständige Künstlerin. Vom ersten Kundengespräch, wo ich die Räume für mein Objekt und die Kundenwünsche persönlich wahrnehme, über ein Expose und ein Modell, welches ich dem Kunden anfertige, bis zum eigentlichen künstlerischen Prozess bin ich für Kunden gut erreichbar, schnell in der Reaktion und somit vermutlich sehr serviceorientiert. 

Aus vertriebstechnischer Sicht ist das sehr schlau, liebe Jessica. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mich für ein Produkt oder in deinem Fall für ein Kunstobjekt interessiere, dann wünsche ich mir und erwarte es eigentlich auch, dass auf meine Anfrage eine sehr schnelle Reaktion kommt und dass ich auf die Erfüllung meines Wunsches nicht lange warten muss.

Genauso läuft es. Deswegen findet meistens ein sehr zügiger erster Kontakt statt und ich liefere das Expose, damit Kunden genau wissen, was auf sie zukommt und etwas schriftlich Fixiertes in der Hand haben. Manchmal müssen diese Exposes ja auch noch durch Gremien, die entscheiden, ob ich den Auftrag erhalte.

Auf das fertige Objekt müssen meine Kunden je nach Umfang eines Auftrags dann aber schon ein wenig warten. Denn für den künstlerischen Prozess nehme ich mir die Zeit, die ich brauche, um die Kunst zu fertigen, die ich möchte. Das dauert so lange, wie es dauert. 

Aber dafür haben Kunden Verständnis, denn sie wollen sich die Kunst ja auch viele Jahre ansehen. 

Fotos Bernd Paulitschke

Dafür hat man dann ein individuelles Objekt der besonderen "art" von einer Künstlerin, die ihren Weg über viele Stationen gegangen ist. Ich danke dir liebe Jessica Maria Toliver, für das spannende Gespräch und die vielen Muster, die du mir gezeigt hast und den Blick auf deine Technik, die man auch in Workshops hier in Schwerte erlernen kann. Denn wer glaubt das Scherenschnitt ein Relikt aus mediterranen Urlaubsgebieten ist, wo Straßenkünstler an touristischen Plätzen Menschen "Scherenschnitte" anfertigen, die haben deine handwerkliche Kunst noch nicht live erlebt.  Wer sich dazu näher informieren möchte, kann das von dir persönlich erfahren am 25./26. März 2017 am Wochenende deines "Offenen Ateliers" in der Kampstraße 29 in Schwerte. Oder auf deiner Seite www.toliver.de.

Foto Bernd Paulitschke