Gespräch mit Vincent Bartscher

Sport: Manchmal Mord und manchmal pure Lebensfreude

Lieber Vincent, wir haben Ende August, es ist sommerlich warm und ich lade dich auf eine kleine Gedankenreise ein. Stell dir bitte vor heute Abend erwartest du Gäste, es ist Silvester und du schaust mit Freunden auf das vergangene Jahr zurück. Von welchen Highlights wirst du deinen Freunden vorschwärmen? Was war besonders für dich?

 

Oh ja, glücklicherweise ist das Jahr noch nicht vorbei, aber als erstes denke ich an meine Teilnahme beim Triathlon in Roth am 9.Juli, das war sehr besonders für mich. Natürlich auch an mein Auslandssemester im vergangenen Winter in China und Australien und an den Bachelor, den ich gerade in Neuss geschafft habe.

 

Das sind schon drei sehr außergewöhnliche Erfahrungen für dich und das Jahr ist, wie du sagst zum Glück noch nicht vorbei. Ist das noch zu Toppen? In meiner Vorstellung nicht. Ich darf es sagen, du bist erst 23 Jahre alt und bist schon Roth Finisher. Ich finde das sehr bemerkenswert. Immerhin sprechen wir über eine Renndistanz von 3,8 km Schwimmstrecke, danach 180 km Radfahren worauf "nur" noch ein Marathonlauf von den üblichen 42,2 km folgt. Vincent für mich ist das unfassbar und nicht nachvollziehbar, wie man das aushalten kann, du hast meinen absoluten Respekt. Wie bist du darauf gekommen Triathlet zu werden? 

Ich bin schon als Kind Triathlon gelaufen - habe aber zwischen damals und jetzt elf Jahre pausiert. In einem Kärntenurlaub mit meinen Eltern, ich muss etwa sieben Jahre alt gewesen sein, lief gerade ein Triathlon, den haben wir uns angesehen. Am Streckenrand habe ich Peter Reid entdeckt, er ist mehrfacher Hawai-Triathlon-Gewinner und somit eine echte Ikone für mich. Ich habe ihn angesprochen und ihm erzählt, dass ich auch schon Triathlon mache, was er glaube ich cool fand. Natürlich habe ich mir ein Autogramm gewünscht, was er mir mit einer mir sehr wertvollen Widmung gegeben hat. Dort steht: "Vincent, hope to see you at the start of Ironman one day".

Diese Widmung habe ich bis heute aufgehoben und sie jetzt im Ziel von Roth dabei gehabt. Das Finishfoto mit der damaligen Nachricht habe ich ihm über Freunde zukommen lassen.

Das motiviert, glaube ich gerne. Wie kann man sich deine Kindheit und Jugend dann vorstellen? Sport, Training, Training und danach Training?

Nee, gar nicht. Also Sport und Bewegung war schon immer mein Ding, aber dann bin ich mit meinen Eltern mehrfach umgezogen und als ich nach Schwerte kam, hatte ich eine ganze Zeit nichts mehr mit Triathlon im Sinn. Ich musste erstmal am RTG in Schwerte ankommen und neue Leute kennen lernen. Bis ich irgendwann mit etwa 17 mal wieder mit meinen Eltern eine kleine Ruhrrunde laufen war und gemerkt habe, dass es mir gut tut, mich zu bewegen und auszupowern. Ernährung hat mich auch immer interessiert und kochen und essen macht mir Spaß. Der Wettkampfgeist wurde wieder geweckt, als ich am Phönixsee den Halbmarathon im Sparkassen-Team mit gelaufen bin. Da habe ich gemerkt, dass ich nach dem halben Marathon noch ausreichend Körner habe.  

Entschuldige, wenn ich zwischendurch kichern muss. Aber ich stelle mir gerade vor, wie ich meine kleine Ruhrrunde laufe und froh bin, wenn ich die schaffe. Leider stellt sich bei mir das Gefühl nie ein, dass ich noch ausreichend Körner für eine Verlängerung hätte. Nun ja, aber da liegt eben der Unterschied ;-)  

Mag sein. An diesem Abend nach dem Phönixsee-Lauf, habe ich mich motiviert für den Frankfurt-Marathon angemeldet und der hat dann auch gut funktioniert. 

Mit Erinnerung an deine Silvesterhighlights hast du dein Auslandssemster in China und Australien erwähnt. Konntest du da deinen Sport überhaupt ausüben?

In Shanghai nicht so wirklich. Da ist die Luft so verschmutzt, dass es beim Laufen in der Kehle brennt. Meine Alternative war ein Fitnessstudio und mit Kollegen Badminton spielen. Australien hingegen an der Sunshine Coast im Osten des Landes ist ein absolutes Sportparadies. Dort gibt es viele Freeclimber, Mountainbiker, jede Menge Surfer und auch Triathleten. Ich hatte an der Bond-University, Gold Coast die Möglichkeit mit Leuten aus dem Olympia Schwimmteam von Australien zu schwimmen und von erfahrenen Coachs zu lernen. Da habe ich meinen Schwimmstil deutlich verbessern können

Hast du hier in Deutschland auch einen Coach oder Trainer? Oder machst du alles allein?

Seit September 2016 habe ich einen Trainer. Er schreibt mir Trainingspläne, wertet meine Ergebnisse aus und hat wertvolle Tipps. Wir machen gemeinsam eine grobe Planung für das Jahr, also zum Beispiel für 2018, da steht als Highlight wieder Roth an und gemeinsam planen wir dann das Training und Wettkämpfe drumherum.

Wie oft trainiert ihr zusammen?

Gar nicht. Ich sehe meinen Trainer wenn überhaupt nur per Skype. Er ist freiberuflicher Sportwissenschaftler an der Uni in Jena, selbst Triathlet und bekommt alle Daten und Trainingsergebnisse von mir online. Damit beschäftigt er sich und wertet sie aus. 

Spannend! Die digitale Welt macht es möglich.

Um noch mal auf das Rennen in Roth im vergangenen Juli zu kommen fände ich super, wenn du noch ein wenig davon erzählst. Ich habe im Fernsehen nur gesehen, wie die Läufer nach zwischen acht und ich glaube 14 Stunden ins Ziel einlaufen und wie die Sportler von den Zuschauern gefeiert werden. Die tolle Atmosphäre und der tosende Beifall hat selbst bei mir als Fernsehzuschauer Gänsehaut erzeugt. Was hat dich auf der Strecke begeistert?

 

Klar, auf jeden Fall die Atmosphäre unter den Zuschauern an der Strecke. Zum Beispiel kommt man mit dem Rennrad zum Solarer Berg, ein Anstieg, der dich mit dem Rennrad durch Massen von Zuschauern führt. Du wirst den Berg durch Jubeln und Klatschen hochgepeitscht. Da bekommt man das Lachen nicht mehr aus dem Gesicht, ein wahnsinniges Gefühl. Absolute Freude und eigentlich kann man nichts mehr denken. Wirklich irre!

Und die Sportler auf der Strecke sind alle fair untereinander. Jeder hilft, wenn er kann, motiviert Mitlaufende, wenn einer mal durchhängt. Hilft aus, wenn Material fehlt oder kaputt ist. Das ist eine tolle Gemeinschaft. Profis, die auf der gleichen Strecke unterwegs sind und am Start ansprechbar sind oder zum Beispiel Firefighter Rob. Ein Feuerwehrmann aus den USA, der bei 9/11 am World Trade Center gearbeitet hat und Menschenleben gerettet hat. Der lief am Ende den Marathon in Roth in voller Montur inklusive Gasflasche auf dem Rücken.  

 

Der Start mit Kanonen-Böllern und startenden Heißluftballons an der Strecke ist beeindruckend. Wenn es nach der ganzen theoretischen Planung endlich losgehen kann und man auch ohne Bewegung schon einen Puls von 120 vor Aufregung auf der Pulsuhr sieht. Und das Finish, als ich in das Stadion mit den jubelnden Zuschauern eingelaufen bin... Tatsächlich Gänsehaut pur.

 

Das war ein schöner Schlusssatz und wenn die Strecke nicht soooo irre lang wäre, hätte ich spätestens jetzt große Lust einmal in Roth dabei zu sein. Danke Vincent für diese ausführliche Beschreibung. Nicht jeder bekommt die Gelegenheit Erfahrungen und Erlebnisse aus erster Hand vom Triathlon in Roth zu hören. Vielen Dank dafür. Stets gute Beine wünsche ich und dass du deine Ziele in 2018 erreichen kannst.